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Denn „es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“

Am 17.10.2021 predigte der Geschäftsführer Timo Harald Lozano im Rahmen des Gottesdienstes in der Emmauskirche auf der Schönau. 


Predigt über Pred 12,1-7 am 20. Sonntag nach Trinitatis, den 17. Oktober 2021
Emmauskirche / Mannheim-Schönau
 
Der Herbst ist da. – Wie klingt das für Sie: Herbst? Und nein: denken wir einmal nicht an spezielle Ereignisse wie den leidigen Corona-Herbst mit vierter Virus-Welle und vielleicht steigenden Infektionszahlen, oder den traurigen Deutschen Herbst mit Terroraktionen der RAF, die sich in diesen Tagen zum 44. Mal jähren. Sondern an den allgemeinen Herbst, so wie man ihn üblicherweise kennt: als sprödes Wort mit 5 Konsonanten aus insgesamt 6 Buchstaben, das dem Sommer den Garaus macht und dem Winter den Weg bereitet. Sprachgeschichtlich leitet sich das deutsche Wort Herbst von dem englischen Wort harvest ab, was so viel heißt wie Erntezeit. So weit so gut. Schließlich feierten wir erst vor Kurzem Erntedank und erfreuen uns unter anderem nun an frischen Äpfeln und Kürbissen. Aber hätte der Herbst nur diese naturalistische Bedeutung – wir müssten uns darüber in dieser Runde wohl kaum Gedanken machen. Ich komme auf den Herbst gleich zurück.
Viele Gedanken machte sich vor langer Zeit auch ein weiser Mann, den die Lutherbibel als den Prediger Salomo kennt, und dessen Buch wir am heutigen Sonntag den Predigttext entnehmen dürfen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn Kohelet, so sein Name in der jüdischen Bibel, galt schon früh als Querdenker, und zwar im eigentlichen positiven Sinne des Wortes. Ein Querdenker, der nicht so recht in die Frömmigkeit Israels passte. Zwei Nachworte waren nötig – ein Contra-Kohelet-Kommentar, der seine kritischen Aussagen abschwächen und ein Pro-Kohelet-Kommentar, der seinen weisheitlichen Erkenntniswert bestärken sollte – um ihn letztlich in den Kanon der Heiligen Schrift aufnehmen zu können.

Worum geht es?
Jerusalem. 3. Jahrhundert vor Christus. Das Land ächzt unter einer Fremdherrschaft. Mal wieder. Diesmal sind es die Ptolemäer, die Nachfolger Alexander des Großen, die das kleine Juda knechten und vor allem wirtschaftlich wie eine Zitrone auspressen. In dieses trostlose Szenario schreibt sich Kohelet seine Fragen und Zweifel von der Seele. Und die haben es in sich. Damals wie heute. Wozu eigentlich morgens aufstehen? Wozu arbeiten? Wozu Ertrag ansammeln, wenn am Ende doch alles von Fremden eingeheimst wird? Was ist der Sinn unseres Daseins? Worin besteht ein glückliches, ein erfülltes Leben, wenn doch alles zwischen den Fingern verrinnt und vergeht? Die flüchtige Zeit und der sichere Tod sozusagen unsere Endgegner, an denen es kein Vorbei gibt? Der Prediger formuliert es programmatisch in der katholischen Einheitsübersetzung der Bibel so: „Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“ 37-mal kommt dieses Wort – Windhauch – im Buch Kohelet vor. Ebenso oft wie das Wort „Gott“ – wohl kaum ein Zufall! Denn bei der hebräischen Originalvokabel הֶבֶֶל (hævæl) handelt es sich um Lautmalerei, also um die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen. Klingt kompliziert, kennen Sie aber alle. Vergleichen Sie es mit dem Kikeriki für das Krähen des Hahns oder dem Tick-Tack für das Geräusch der Uhrzeiger bei uns im Deutschen. Und diese Lautmalerei begegnet uns etliche Bücher zuvor schon einmal in der Bibel. Ganz am Anfang, in der Schöpfungserzählung der zweiten Generation mit Kain und – Abel, richtig. Hævæl also – der Flüchtige als Sinnbild für das Vergängliche am Menschen und den lächerlichen Wimpernschlag unserer Lebensspanne im kosmologischen Kontext. Auch der Herbst ist Sinnbild für das Vergängliche. Wo im Sommer selbst kräftige Gewitter dem Laub einer Eiche nichts anhaben können, reicht jetzt eben der flüchtige Windhauch, um deren Blätter zu Fall zu bringen. Die Säfte und Kräfte stocken, die Tage verdunkeln sich, Stille kehrt ein.

Wie in der Natur so auch beim Menschen. Entsprechend lesen wir im heutigen Predigttext:
 
Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«; ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.
 
Ein wunderbar wahres und zugleich mit viel Witz geschriebenes Gedicht, in dem wir die trüber werdenden Augen, die matten Glieder und den Verlust der eigenen Zähne als Zeichen der Endlichkeit im Kontrast eines sich immer wiederholenden Kreislaufs herauslesen.
Die dritte Jahreszeit – das ist auf unserem Lebensweg das Alter. Und das ist oft und immer öfter einsam. Der Partner: schon vor Jahren verstorben, die Kinder und Enkel: weit entfernt, die Nachbarn: eher unnahbar. Wo finde ich nochmal Anschluss? Was bietet mir wieder Halt? Die Diakoniestiftung Mannheim, deren Geschäftsführer ich sein darf, setzt sich genau mit solchen Fragen auseinander und fördert diakonische Projekte in unserer Stadt, die darauf Antwort geben. Denn „es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. So steht es auch im Schöpfungsbericht, der uns heute ja schon öfter angedeutet wurde – sowohl bei Kohelet, aber auch bei Markus. Eines dieser Projekte befindet sich in Ihrer direkten Nachbarschaft, gleich nebenan. Es ist die sog. „Villa“, in der es sich gut trifft, wie die Verantwortlichen behaupten. Hier möchte man zusammenrücken und zusammenfinden, füreinander da sein, Halt bieten. Einsamkeit nur ein Thema des Altseins? Keineswegs! Und so nimmt „die Villa“ zunächst die Kinder in den Blick. Denn in frühen Jahren kann Grund gelegt werden, was in späteren Jahren vor Vereinzelung schützt: das Einüben von kreativen Fähigkeiten, das Ausüben von Mannschaftssport, einfach positive Erfahrungen in der Gruppe sammeln. Gemeinschaft somit nur ein Thema des Jungseins? Keineswegs! Im Herbst ernten wir in der Regel, was wir im Frühjahr gesät haben. Ja, das stimmt. Kohelet hat Recht: Alles hat seine Zeit. Und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Aber Jesus hat auch Recht, wenn er uns zur Umkehr und zu seiner Nachfolge aufruft, die zu jeder Zeit neu möglich ist. Herbstzeit muss nicht nur Erntezeit sein. Denken wir z. B. an das Wintergetreide, das im September und im Oktober noch in den Boden kommt, um im Frühjahr reiche Frucht zu tragen. Auch im Alter können Sie den Kleinen nebenan ein Ohr leihen, Ihre Stimme beim Vorlesen ölen oder einfach Zeit und Lächeln schenken. Seien wir also beides: Sommer- wie Wintergetreide. Soll heißen? Lassen Sie uns gemeinsam säen. Zu jeder Jahreszeit. In jedem Alter. Und nutzen wir dazu, den Acker, den der Herr uns vor die Türe legt.
Amen.